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"Was ist Balfolk?" - Rede der Organisatorin des "Balfolk Ratisbonne" bei der off


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste der Eröffnungsfeier,

diesen März fand in Pielenhofen das erste Mal das Festival Balfolk Ratisbonne statt und hat Menschen aus ganz Deutschland in die Oberpfalz gelockt. Sogar Gäste aus Berlin, Schwerin und Hamburg nahmen den weiten Weg auf sich, um hier ein Wochenende voller Musik und Tanz zu verbringen. Vielleicht hat sich der eine oder die andere gefragt, wer denn diese Leute waren, die da plötzlich durch den Ort spazierten oder am Brunnen Musik machten, und was sie genau dazu bewegt hatte, nach Pielenhofen zu kommen. Auf diese Fragen würde ich jetzt gerne ein bisschen genauer eingehen, indem ich erkläre, was Balfolk überhaupt ist und was diese Tanzart, die man eigentlich schon fast als eine Lebenshaltung bezeichnen kann, so einzigartig macht.

Das Wort Balfolk kommt aus dem Französischen und bezeichnet ursprünglich einen Tanzabend, den Bal, auf dem traditionelle Tänze getanzt werden. Das, was den Begriff heute ausmacht, beschränkt sich jedoch weder auf Frankreich, noch auf Tradition. Französisch ist der Begriff, weil dort, in Frankreich, neben Portugal und Belgien, diese Tanzart am weitesten verbreitet ist. Die Tänze der europäischen Tradition, im Sinne von Volks- und Gesellschaftstänzen, sind dabei Kern und Grundlage des Balfolk und bilden ein reiches und vielfältiges Tanzrepertoire, das die geübten Tänzer beherrschen und das auf den Festivals variiert wird.

Ein paar Beispiele: Bei den Paartänzen gibt es die Mazurka, einen polnischen Tanz, der das erste Mal im 14. Jahrhundert schriftlich belegt ist und im 17. Jahrhundert unter dem Sachsenkönig August dem Starken bewusst in Deutschland eingeführt wurde. Zum beliebten Gesellschaftstanz des Bürgertums geworden, fand der Tanz Mitte des 19. Jhd. erneut Aufnahme in Deutschland, diesmal über Paris, wo er der gängigen Mode entsprach. Internationale Bekanntheit erlangte er schließlich durch Chopin, der 51 Mazurken für Klavier komponierte und dadurch die Mazurka in die Kunstmusik überführte.

Doch nicht nur Paartänze schließt das Balfolk-Repertoire ein, auch Gruppentänze wie der Cercle circassien, in Deutschland auch Fröhlicher Kreis genannt, oder Tänze in Linienformation wie viele der traditionellen bretonischen Tänze sorgen durch ihre Vielfalt für Abwechslung.

Die europäische Tanztradition bildet also, wie gesagt, eine wichtige Grundlage, auf der jedoch etwas völlig Neues entsteht. Denn zu den überlieferten Grundsschritten und Choreographien gesellt sich das Element der Improvisation, das jedem einzelnen Tanz einen unverwechselbaren und unvorhersehbaren Charakter gibt. Improvisation als nonverbale Kommunikation zwischen den Tänzern bietet den Freiraum, auf dialogischer Basis die Grenzen der gesetzten Regeln ein Stück weit zu überschreiten und dadurch Neues entstehen zu lassen. In diesem Freiraum liegt das Innovationspotential, das dem Balfolk seine Lebendigkeit verleiht. In der Improvisation werden eine Vielzahl an immer neuen Figuren und Schrittvariationen gefunden und erfunden, die dann in workshops oder einfach informell auf Bällen weitergegeben und ausgetauscht werden und auch je nach Region oder Land variieren können.

Vielleicht auch weil der Balfolk ein Nischenphänomen ist, ist er wenig institutionalisiert. Es gibt keine Tanzschulen, die bestimmte Richtungen oder Regeln etablieren oder definieren können. Es gibt keine Wettbewerbe, bei denen Showtanz nach festgelegten Kriterien bewertet wird. Es gibt auch kein Leistungsdenken, das Tänzer hierarchisiert und beurteilt. Im Mittelpunkt stehen Austausch, Kreativität und Partizipation, jeder und jede kann am Prozess teilhaben und Neues beitragen. Balfolk ist eine Tradition, die im Entstehen begriffen ist, nicht rückwärtsgewandt, sondern vorwärtsgewandt und gerade deshalb so faszinierend, dynamisch und lebendig.

Diese Tanz- und Musik-Kultur, die auf den zahlreichen Folkfestivals in Europa gepflegt und weiterentwickelt wird, hat nichts mit der profitorientierten Mainstream-Industrie zu tun, die die ganze Welt mit kommerziellen Produkten überschwemmt. Weder hat hier die genormte Gleichförmigkeit der Popkultur Einzug gehalten, noch das so weit verbreitete Streben nach Gewinn. Wenn es um Bereicherung geht, dann nur um die des eigenen Lebens.

In diesem Sinne will auch das Festival Balfolk Ratisbonne einen Beitrag leisten, indem es über drei Tage hinweg eine Plattform für Begegnung, Austausch und kreative Weiterentwicklung bietet.

Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit.


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